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Im Zentrum der Welt lebte einst ein kleines, verwegenes Bauernvölkchen. Seit Jahrhunderten zwangen sie den kargen Böden in engen Tälern und auf steilen Hügeln ihr täglich Brot ab. Die Zeiten waren so ruhig und sicher wie die mächtigen Berge, zwischen denen das Urvolk hauste. Abgaben entrichteten diese ‚Urner’ dem deutschen Kaiser. Und, so lange man nicht zu viel bezahlen musste, war es ihnen egal, ob die Herren nun Römer, Franken oder Staufer waren. In den zwölfhundert Jahren seit Christi Geburt hatten sie schon so viele Herren kommen und gehen sehen. Sie wollten nur in Ruhe ihr Land bebauen und - wenn es möglich war - noch etwas dazuverdienen. Ihnen konnte es nur recht sein, wenn die Herren Könige, Päpste und Sultane sich die Köpfe einschlugen. Denn, das hatten sie seit langem gemerkt, immer wieder zwängten sich gut gerüstete Heere durch enge Schluchten den Gotthard hinauf und hinab. Da florierte der Handel, es gab Zölle und manch ein Säumer fand gut bezahlte Arbeit.

Doch etwas machte den Urnern Kopfzerbrechen. Immer wieder, und - es schien ihnen - immer öfter wählten die Kriegs- und Handelsreisenden andere Pässe, um die Alpen zu überqueren. Den Grossen St. Bernhard oder den Mont Cenis im Westen, den Septimer oder den Brenner im Osten. Der Gotthard lag zwar zentral, aber er hatte einen grossen Makel: den Ungeist der Schöllenen. Immer wieder riss dieser Menschen und Tiere in den Schlund der Reuss, wenn nach dem grossen Regen das Wasser aus den Urtiefen des Gotthards hervorschoss. Es musste was geschehen! Aber was? 

Nun trug es sich zu, dass eines Tages, nach einem erneuten Unwetter, in einer Altdorfer Herberge lamentiert wurde. ‚Wer den gierige Rachen der Schöllenen stopfen könne, würde es weit bringen‘, wähnten die Bauern. Am Nebentisch verzehrte ein Fremder seine karge Mahlzeit. Er hörte gut zu und fragte, als sich Wogen des Unmuts ein wenig geglättet hatten: „Warum baut Ihre denn keine Brücken, keine Stege?“

Die Bauern wussten nun nicht recht, ob sie lachen sollten oder sich ärgern, weil der Fremde sich eingemischt hatte. Sie entschieden sich für den Spott und wiesen den Tölpel an, er könne ja gleich hinausgehen ins tosende Dunkel und mit dem Bau beginnen. Dieser hatte genügend Kraft im Bauch, sich ohne ein weiteres Wort seiner Mahlzeit zu widmen. Schliesslich siegte die Neugier und liess einen Bauern fragen, wo er denn schon solches Ding‘ gesehen hätte. „Zuhause“ war die kurze Antwort.

            Die Altdorfer wollten nun Fakten. Der Mann aus dem hintersten Ursnertal berichtete von seiner alten Heimat im oberen Goms. Dies hatte er wie Hunderte vor ihm verlassen, um andernorts ein Auskommen zu suchen. Dort, in den engen Tälern und Schluchten des oberen Wallis hätten die Walser Eisenhaken in den Fels geschlagen und kühne Bretterkonstrukte drangehängt. Und so wie er die Schöllenen einschätze, sei das auch hier möglich.

So gab ein Wort das andere. Man einigte sich schnell. Und es ging nicht lange, bis in der Schöllenen gehämmert und gewerkt wurde. Von allen Seiten kamen Neugierige, um die beinahe fliegenden Arbeiter zu beobachten. Wie sie an Seilen hängend, mit grossen Hämmern die Eisen in den Fels trieben. Wie sie Bretter zu einem Steg formten. Wie sie schwere Steine auf einen Holzbogen legten und eine kühne Brücke errichteten.

Die Schöllenen wehrte sich, wo immer sie konnte. Überraschte mit plötzlichem Wetterumschwung. Orderte Schnee und Blitze im Sommer, blitzschnellen Föhn, tagelangen Regen wie aus Kübeln. Auch schlang die Reuss jeden, der die Glätte des nassen Felsens oder Holzes unterschätzte, gierig in ihre Urtiefen

            Doch erhob sich das Unheil nicht aus Schlucht und Sturzbach. Diese waren zwar widerspenstig, aber doch bereit, sich zähmen zu lassen. Nein, der Neid war es, der aus einem zornigen Herzen herausbrach. Es ging die bewundernde Rede von den Teufelskerlen in der Schöllenen! Und irgendwo, bei irgendwem erhielt glimmender Hass die Offenbarung. „So ist es! Dies alles kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Woher haben die Walser das Wissen und den Mut, woher die Kraft zu solchen Taten? Hörte man nicht schon genug von dunklen Bräuchen und Mächten aus dem oberen Goms? Die sollen zurück über die Furka. Solch sogenannten Fortschritt bräuchten die Urner nicht.“ Und auffällig genug; wenn die kalten Fluten das Lebenslichtlein eines Arbeiters auslöschten, war es immer ein Urner. Nie ein Walser! Wenn also schwere Steine auf einen Holzbogen gelegt wurden, entstand nichts anderes als eine Teufelsbrücke. Immer höher schlugen die Wellen im alten Dorf, in Bürglen, im schattigen Dorf, auf dem ersten Feld und den Gotthard hinan. Es wurde nicht mehr hinter der Hand gemunkelt und beschuldigt. Der Beredt’ste wurde zum Rat geschickt, um ernsthaft das Schicksal der Urner abzuwenden. Der Rat blieb knochentrocken. Ammenmärchen! Sie sollen sich benehmen, wie erwachsene Personen bei Vernunft. 

            Nun, wo Worte nichts nützen.........! Eines Morgens war der Vormann verschwunden. Er, der die Idee hatte und die Männer bei der Arbeit führte. Kein Suchen und Fragen half. Er blieb verschollen.

Der Rat zitierte die Rädelsführer, um Näheres über das Verschwinden des Walsers zu erfahren. Die Sache blieb aber im Dunkeln und niemand konnte einen Beweis vorlegen.

In der Schlucht wurde auch ohne Vormann weiter gearbeitet. Darum beschlossen die Gegner von Steg und Brücke, das Werk zu zerstören. Sie nahmen ihre Waffen und zogen in die Schlucht. An einem riesigen Felsbrocken oberhalb der halbgebauten Brücke machten sie sich mit allen Kräften zu schaffen. Der Brocken würde, wenn er mit zerstörerischer Wucht ins Tal stürzt, das Ganze zu einem guten Ende bringen.

            Die Fügung wollte es, dass in dieser turbulenten Zeit ein Stanser Kaufmann Richtung Gotthard zog. In Altdorf traf er auf eine Gruppe Bewaffneter, die von einem Mitglied des Rates geführt wurde. Sie zogen aus, um den Gegnern das rebellische Handwerk zu legen. Der Kaufmann, selber Unterwaldner Ratsmitglied, sprach er den Urner Hauptmann mit Freimut an. Gütig und bestimmt forderte er ihn auf, einen versöhnlichen Handel zu suchen. ‚Diese verblendeten Hitzköpfe würden nur die Sprache der Waffen verstehen‘ wendete der Urner ein. ‚Doch wenn er ein Friedensapostel sei, könne er gerne zur Begegnung mitkommen‘.

Der Unterwaldner verstand, dass dies seine Stunde sei und zog mit gegen die Schlucht. Er schaffte es, die beiden Parteiungen zu einem offenen Gespräch zusammenzubringen. Der Stanser wusste auch Rat. ‚In einer Klause am Fusse der Mythen wohne eine alte Nonne. Diese sei bekannt dafür, dass sie beim Herrgott ein offenes Ohr habe. Manch einer habe bei ihr schon Weisung gefunden in Lagen, die ohne Aussicht schienen. Wenn die Parteien drei Tage warten könnten mit dem Dreinschlagen, würde man einen Boten zur Nonne senden und auf Antwort warten.‘ 

            Da es darum ging, des Teufels Werk zu zerstören, konnten die Widerwilligen die Hilfe einer Nonne nicht abschlagen. So wurde das Graben und Schaufeln um den mächtigen Felsbrocken eingestellt. Der Schnellste wurde in Richtung Flüelen geschickt, um dort einen Kahn gegen Schwyz zu besteigen.

            Die Stunden zogen sich hin, die Tage waren lang. Doch man hatte sich geeinigt. Daran gab’s nicht zu rütteln. Gegen Abend des dritten Tages kam der Meldeläufer den Gotthard hinan. Der Urner Hauptmann bliess das Horn. Die Bewaffneten sammelten sich beim grossen Stein. Der Läufer, noch ausser Atem, spürte die wartenden Blicke, die ihn drängten. Er gab Bericht „Jeder soll mit seinen Fingern das Kreuz auf den Felsen zeichnen und dazu den Vers aus dem Jesajabuch sagen: Und wenn Deine Sünde gleich rot wäre wie Blut, so soll sie doch weiss werden wir Schnee. Mehr hätte die Nonne nach langem Gebet nicht mitgeteilt.‘

Die Männer waren etwas ratlos. Der Stanser Kaufmann ergriff das Wort. „Gebt euch einen Ruck“ sagte er, schritt zum Felsen, machte das Kreuz auf dem kalten Stein und wiederholte Jesajas Spruch. Der Hauptmann tat es ihm gleich und so die Bewaffneten. Nun war die Reihe an den Aufständischen. Der Rädelsführer zögerte. Jeder sah, dass er den jähen Sturm in seinem Innern verbergen wollte. Schliesslich hob er seine Hand zum Kreuzeszeichen und sprach die Worte. Er stand da, wie vom Blitz getroffen. Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er begann zu schluchzen. Er hatte nicht die Kraft, sich zurückzuhalten vor den Wilden und Zähen um ihn herum. Er war nicht mehr Herr seiner selbst.

Als er sich etwas gefangen hatte, ging er auf den Hauptmann zu und übergab diesem seine Waffe. „Ich habe den Walser auf dem Gewissen. Lass uns gehen!“ – Der Bann war gebrochen. Der Auflauf verteilte sich schnell. Verstohlen schlich dieser oder jener Aufständische noch zum Stein, um das Ritual zu vollziehen. Und jeder von ihnen wusste, dass es mehr gibt als leere Zeichen und menschliche Worte.

Natürlich ging die Geschichte ins ganze Land. Die Ratsherren von Uri dankten dem Unterwaldner und der Nonne. Die Arbeiten an Steg und Brücke wurden wieder aufgenommen. Im folgenden Sommer weihte man die Bauwerke mit einem grossen Fest ein. Auch Gäste kamen, aus Unterwalden und Schwyz. Die Orte hatten für den hohen Tag neuen Standarten machen lassen.Die Urner wählten den Stier: den hatten sie – gemeinsam mit den Walsern - bei den Hörnern gepackt, das Unternehmen gewagt und zu Ende gebracht. Die Unterwaldner wählten die Schlüssel: sie hatten durch ihren weisen Vermittler die Lösung des Streites aufgeschlossen. Und die Schwyzer wählten das weisse Kreuz auf rotem Grund. Denn die alte Nonne hatte das Werk vor dem Untergang gerettet. Die Geschichte ging nie ganz in Vergessenheit. Und als es darum ging, ein Wappen für die Schweizer Nation zu schaffen, erinnerten sich die Regierenden an die Ereignisse in der Schöllenen Schlucht. Wenn sie es recht bedachten, war um 1230 ein Grundstein für die Schweiz gelegt worden. Pionierhaftes Wirken hatte triumphiert und einen wirtschaftlichen Aufschwung möglich gemacht. Vermittelndes Beraten brachte verfeindete Parteien ins Gespräch. Und die Weisung einer frommen Frau brachte Einsicht und rettete das Werk vor menschlicher Bosheit. Den Landesvätern, und beratenden Müttern hinter den Kulissen war klar, was sie am meisten brauchten. Mehr noch als wirtschaftliches Wachstum und die Fähigkeit zu Vermittlerdiensten wünschten sie sich die Kraft des Kreuzes. In Ehrerbietung der Schwyzer Nonne wählten sie das weisse Kreuz auf rotem Feld zum nationalen Wappen.

(Quelle: Regli Daniel, 'Die 68er-Falle: Fluchtwege aus dem Desaster der Neuen Linken, Zürich 2005. Natürlich ist diese Geschichte fiktiv. Der Legende nach stammt das Schweizerkreuz vom heiligen Mauritius und seinen 10'000 Rittern. Diese römischen Legionäre kennzeichneten sich mit dem weissen Kreuz auf rotem Grund. Sie wurden im 4.Jahrhundert n.Chr. bei St. Maurice im Rhônetal hingerichtet, weil sie sich weigerten, ihren christlichen Glauben zu verleugnen. Die alten Eidgenossen verehrten die Legionäre als Schutzheilige und treue Christusnachfolger.)

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