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Längst war Mitternacht vorbei. Die Fernseh-Apparate dösten bereits schwarz vor sich hin. Nur im dritten Stock war noch Licht. Wieder einmal hockte Kari Bossert über seinen Geschichtsbüchern. Seit seiner Pensionierung hatte sich Ätti Bossert, wie ihn seine Freunde nannten, ein wahres Sammelsurium von Folianten, Enzyklopädien, Lexika und historischen Werken zugelegt. Aus Archiven in der Innerschweiz und in Bern hatte er hunderte und hunderte von Kopien angeschleppt. Sein kleines Wohnzimmer war längst zur überfrachteten Studierstube geworden.

            Auslöser für den „Feldzug“ Bosserts waren die Historiker gewesen. Diese hatten nämlich behauptet, Wilhelm Tell hätte nicht existiert. Der „Tell“, Kari Bosserts Held, soll eine Erfindung sein?! Das würde er nicht so sang- und klanglos hinnehmen!

So durchforstete der rüstige Senior seit Monaten eine Unzahl an Quellen und historischen Werken. Er wollte nichts weniger, als den geschichts-wissenschaftlichen Befund widerlegen. Auch an diesem Abend brütete Kari schon seit Stunden über dem beschriebenen Papier. Einmal mehr folgte er den Spuren der Geschichte, die von der Gründung der Schweiz berichteten. Heute ging es um die Beratungen, wie der Bundesbrief von 1291 verfasst werden sollte. Bossert vertiefte sich so sehr in die Lektüre, dass er vermeinte mit den Urnern, den Unterwaldnern und Schwyzern an einem Tisch zu sitzen.

Die wehrhaften Bauern hatten für dieses Mal einen besonderen Gast: einen Abgesandten des Hauses Habsburg. Das geplante Schutz- und Trutzbündnis war dem deutschen König ein Dorn im Auge. Die Habsburger waren ja erst vor kurzem zu königlichen Würden aufgestiegen und wollten keineswegs auf das wichtige Gotthardgebiet verzichten.

            Mit wohlgewählten Worten versuchte der habsburgische Gesandte, die Bauern von ihrem Vorhaben abzubringen. In den herrlichsten Farben schilderte er Macht und Pracht des expandierenden Königreiches. Es sei ein hilfloses Unterfangen, wenn das Häuflein von Bauern-Soldaten sich gegenseitig Schutz verspreche. Ob sie denn nicht wüssten, wie gross die französischen Heere seien? Und was wollten sie sich selber Recht sprechen? Am habsburgischen Hof gäbe es eine grosse Zahl exzellenter Rechtsgelehrter. Diese seien nur allzu bereit, die Händel unter den Bauern zu schlichten. Zudem wäre der König bereit, den Bewohnern der Waldstätten spezielle Förderung zukommen zu lassen. Sie sollten sich nur mal überlegen, welche Möglichkeiten sich für die Anführer in einem künftigen europäischen Kaiserreich eröffnen würden!

            Ganz benommen von den hehren Worten zogen sich die Bauern zur Beratung zurück. Die Argumente wogten hin und her. Schliesslich entschied man sich, den Bewohnern von Uri, Schwyz und Unterwalden einen phänomenalen Aufstieg im Rahmen des Deutschen Reiches zu ermöglichen. Die Text-Vorschläge für den Bundesbrief übergaben die Bauern dem Habsburger. Vielleicht könnten ja die Rechtsgelehrten etwas damit anfangen?!

            Tatsächlich merkten die Waldstätten bald, dass sie von grosser Wichtigkeit für die europäische Politik waren. Die Söhne Karls des Grossen schlugen sich ja seit 400 Jahren schon die Köpfe ein und legten ihre Länder in Schutt und Asche. Eben erst, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, hatten sich Deutsche und Franzosen blutige Kämpfe um Sizilien geliefert.

Das 14. Jahrhundert verlief zuerst noch relativ ruhig. Leopold I. von Österreich baute sich im kühlen Morgarten eine schöne Sommerresidenz und brachte habsburgische Goldmünzen ins Land. Doch schnell verebbten die friedlichen Zeiten. Bayern und Burgund zeigten Appetit auf habsburgisches Gebiet. So mussten die Waldstädter, gemeinsam mit dem habsburgischen Aargau, in den Krieg. Bald war die Landschaft zwischen Bodensee und Genfersee ein Heerlager. Französische Heere im Westen, Österreicher, Bayern und Schwaben im Norden und Osten. Die Waldstädter hatten nun den Auftrag, die Lémans, wie die West-Helvetier genannt wurden, niederderzumähen. Dann wurden die Ticinesi in die heftigen Kämpfe um die oberitalienischen Städte hineingerissen. Sie sollten, ebenso wie das Ringen um das Elsass und Lothringen, noch viele Jahrhunderte dauern.

Natürlich wurden die helvetischen Soldaten auch für andere Kriege rekrutiert. So kämpften die Lémans im 100-jährigen Krieg zwischen England und Frankreich. Die Nord-Östler, also die Leute zwischen dem Bernischen und dem St. Gallischen, opferten sich bei den Hussitenkriegen in Böhmen, Mähren und Schlesien.

Auch die Reformation und ihre Kriege trafen die helvetischen Gebiete wiederum mitten ins Mark. Verbissen wehrten sich katholische Lémans und Ticinesi gegen zwinglianische Nord-Östler. Bauernaufstände wurden brutal niedergewalzt. Deutsche Fürsten kämpften unter Luthers Banner auf helvetischem Boden gegen die kaiserliche Macht. Bei Beendigung des 30-jährigen Krieges im Jahre 1648 waren die helvetischen Lande ebenso verwüstet wie das übrige Deutsche Reich. In einzelnen Gebieten waren 70% der Bevölkerung ausgelöscht worden. Wirtschaft und Handel waren am Boden, die Sitten verroht.

Ja, ja, die hehren Versprechen der Habsburger! Auch in Folge wurden die Helvetier pausenlos in die Mange genommen: von den Franzosen, von den Russen und den Türken. Dann gesellte sich auch noch Preussen dazu, um das ‚europäische Gleichgewicht zu wahren’. Und immer, überall auf den Schlachtfeldern Europas, waren die treuen Helvetier anzutreffen. In den Türkenkriegen, im spanischen Erbfolgekrieg, im polnischen Thronfolgekrieg, im 7-jährigen Krieg des aufgeklärten Friedrich. Sie durften sogar nach Übersee, um bei den hochgelobten Kolonialkriegen mitzumachen.

Dann keimte die Französische Revolution und erschütterte das Gebiet zwischen Genf und Bern. So kamen die Lémans in den Genuss der Guillotinen. Anschliessend durften die Soldaten mit Napoléon zum Krieg nach Ägypten und Russland. Auch die Völkerschlacht bei Leipzig mit ihren 100'000 Toten und Verletzen, lief nicht ohne helvetisches Zutun. Und  immer spendeten die edlen Kriegsherren Orden und Gedenktafeln für die gefallenen Helvetier.

Dann ging’s munter durch das 19. Jahrhundert mit Revolutionen und Restaurationen. Unsere Mannen mussten in den Krimkrieg, sie verbluteten in Oberitalien. Sie standen einander im deutsch-französischen Krieg von 1871 gegenüber. Dann ging die Front des ersten Weltkrieges mitten durch unsere Landschaften. Nach vier Jahren hatte es 20 Millionen Menschen weniger auf der Erde und zwei Kaiserkronen weniger auf dem politischen Parkett.  Habsburgs Versprechen hatten endgültig ausgedient!

Das nützte den Waldstädten jedoch wenig. Sie gehörten zu den Verursachern des Weltkrieges und standen unter dem Schuldspruch von Versailles. Die Reparationszahlungen drückten schwer; das Volk darbte. Und die Zeiten wurden keineswegs rosiger. Schon vier Jahre nach Kriegsende begann das Machtkarussell, sich erneut zu drehen. Mussolini marschierte auf Rom und machte die Ticinesi zu Untertanen einer Diktatur. Zehn Jahre später bekamen auch die deutschen Helvetier einen Führer. Einen Mann namens Adolf, der der Welt tausend Jahre Nazi-Glück versprach. Bald brannten die ersten Synagogen… ‚nein!!!’

Mit einem Schrei fuhr Kari Bossert vom Tische hoch…, tief und fest hatte er auf dem dicken Geschichtsband geschlafen. Tonnen der Last fielen von seiner Seele. Nur ein Traum! Nur ein Traum! Vergeblich gelitten und geschwitzt. Nein, so dumm waren sie nicht, unsere Väter, dass sie den habsburgischen Schalmeien geglaubt hätten. Der ganze Firlefanz von Rechtsgelehrten und königlicher Würde! Die Bundesgenossen von 1291 pfiffen auf die grosse Welt. Sie wollten mit Gottes Hilfe ihre kleinen Gemeinden wohl ordnen und führen. Und todesmutig einander helfen, wenn sich jemand von aussen einmischt. Fremde Richter würden sie keine gebrauchen. Auf ewig nicht!

Kari holte ein Glas Wein aus der Küche. Noch nie war ihm das Unikum Schweiz so bewusst, wie nach diesem Traum. Wie konnte das nur gelingen?! Habsburgische und burgundische Heere bissen sich die Zähne aus an dem kleinen Bauerntrupp. Für kurze Zeit träumten zwar auch die Eidgenossen von Gebietsgewinnen. Doch Marignano brachte uns auf den Boden der Realität. Bruder Klaus hatte uns ja geraten,  das Glück innerhalb der eigenen Grenzen zu suchen. Auch den Weg der Neutralität wies uns der Obwaldner Eremit mit seinem Gebot, sich nicht in fremde Händel zu mischen. So brausten die Kriege während 500 Jahren weitgehend an unseren Landesgrenzen vorbei. Interne Querelen lösten wir mit dem Essen von Milchsuppe oder einem Sonderbundskrieg, der 1847 nach 27 Tagen und 150 Toten beendigt wurde.

Kari setzte sich in seinen Lieblingssessel, nippte an seinem Rotwein und freute sich. Wie konnte so etwas nur gelingen?! „Sind halt scho Sibesiechä gsi, üseri Vätere!“ murmelte er stolz vor sich hin. „Und d’Müetere will i au nid vergässe. He, was sind scho d’Manne ohni d’Fraue?!“ Sagt’s und prostet richtung Schlafzimmer. „Und ohni der Herrgott hätti überhaupt nüd funktioniert.“ Sagt’s und hebt das Glas richtung Zimmerdecke.

„Und nid nur kämpfe hend’s chönne, üsi Vorfahre, sondern au chrampfe.“ Fleissige Bauern sorgten für eine gesunde Landwirtschaft. Dann Handwerk auf goldenem Boden. Dann die Industrialisierung. Unsere Patrons bauten Unternehmen mit Weltruf: die Kreditanstalt, Escher-Wyss, Maggi, Brown-Boveri, Caillier, Geigy, Néstlé. Sie errichteten Hotels, förderten den Alpentourismus. Dunant begründete das Rote Kreuz. Escher realisierte trotz massiver Widerstände den Gotthard-Tunnel. Ha, das waren Persönlichkeiten! Und dann unser General Guisan. Bei seinem Rütlirapport machte er ein für alle Mal klar, dass wir die Nazis bis aufs Blut bekämpfen würden. Da hatten auch infizierte Bundesräte wie Motta, Etter und Pilet-Golaz nichts mehr zu melden.

Stolz und dankbar drückte sich Ätti Bossert in seinen Sessel. Er sinnierte über die erfolgreichen Nachkriegsjahre. D’Ärmel  hinderelitze und aapacke! Industrie und Tourismus gediehen weiter. Der Sozialstaat wurde ausgebaut. Der Wohlstand wuchs und wuchs und wuchs. Und modern, modern wurden wir auch. Ja, ja, sogar wir biederen Schweizer wurden modern.

Willig befolgten wir die neuen Leitwerte, die in Deutschland und Frankreich vorgelegt wurden. Was sich da für Welten öffneten! Die 68er verkündeten uns die totale Freiheit. Niemandem gehorchen, als sich selbst. Nieder mit den Eliten in Kirche und Staat. Jeder Anarcho weiss selbst, was richtig ist. Sartre und Beauvoir, das ‚Jahrhundertpaar’, wie sie in der Öffentlichkeit ehrfürchtig genannt  wurden, lebten ihre Theorie denn auch modellhaft und medienwirksam vor. Die Ehe lehnten sie als reaktionären Zwang ab. Sartre konsumierte Alkohol, Nikotin, Drogen und Frauen am Laufmeter, während sich Beauvoir für die absolute Freiheit der Frau stark machte. Krönung ihrer Autonomie war es, das werdende Kind in ihrem Mutterleib töten zu lassen und dies via Massenpresse der ganzen Welt anzupreisen.

Das Motto „Sex, Drugs and Rock’n’Roll“ war bald in aller Munde. Hatte nicht der 68er-Vater Marcuse die Sexualität zum revolutionären Akt erhoben. War nicht von England und den USA massenweise Musik ins Land geströmt, die aller Tradition den Garaus machte? Was sollte noch die Weisheit der Väter? Fleiss und Anstand? Scheiss drauf! Fun und Konsum waren angesagt. Im Bett, in den Schulen, in den Betrieben, in der Politik. Dagegen waren die Habsburger Versprechen von königlichem Prunk Kindergartengeschwätz. Hier wurde den Massen nichts weniger als das Paradies in Aussicht gestellt: Tun und lassen, wie’s einem gerade in den Gliedern juckt! Und sollte einmal das Geld nicht reichen für die wohlfeilen Pläne? Papa Staat hat eine grosse Kasse!

Inzwischen hat es Form angenommen, das helvetische „Reich der Sinne“. Die Massen machen zunehmend die hohle Hand und toben sich aus. Dass Ehen und Familien in einem solchen Gesellschaftsmodell keine Überlebensmöglichkeit haben, nimmt man in Kauf. Anarchie hat ihren Preis! Zehntausendfach werden die wehrlosen Häufchen im Mutterleib verätzt, zerstückelt, abgesaugt. So kann die verhinderte Mutter auch weiterhin einen „menschenwürdigen“ Lebensstil pflegen. Europäisch menschenrechtskonventionell! Kinder, die den Mutterleib überstehen, werden bald in Krippen und Horten versorgt. Nicht alle, aber die meisten. Dann werden Massen von Kinderherzen durch die Scheidung ihrer Eltern traumatisiert. Kein Wunder benötigen sie schon in der Primarschule psychologische Betreuung. Wie sollen sie auch den Stürmen des Lebens trotzen, wenn sie keine Wurzeln schlagen konnten? Unfähig, das Leben zu bestehen, lassen sich schon 18-Jährige in die staatliche Hängmatte fallen. Sie werden IV-Renter. Lebenslänglich! Wem es langweilig ist oder wer unter Einsamkeit leidet, kann sich die Birne ja mit staatlich finanzierten Drogen oder Psychopharmaka zudröhnen.

Haupt und Glieder sind befallen von gierigem Konsumismus. Patrons wurden abgelöst von Managern, die die wertvollen Schweizer Marken grounden lassen oder an ausländische Investoren verhökern. Ein gesundes Wachstum hat heute fast nur noch das Loch in der Staatskasse. Betrug die Verschuldung der öffentlichen Hand 1960 noch 20 Milliarden Franken, so sind es heute mehr als 250 Milliarden... ‚Nein!!’

Heftig schlug Kari mit seiner Faust auf die Lehne seines Lieblingssessels. Nein und nochmals nein! Benommen, verwirrt blickt er um sich. Versucht sich zu orientieren. Was läuft ab? Er kneift sich in die Backe; versucht aufzuwachen. Noch einmal. Er ist ja wach. Stille. Kari Bosserts Enttäuschung ist grenzenlos. Sie hatten das Erbe der Väter verraten! Sie hatten es tatsächlich verraten.

(Text von Daniel Regli, Zürich)

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