Immer wieder lesen wir davon. Wochen und Monate liegen sie tot in ihren Wohnungen, ohne dass es jemand merkt. Niemand hat nach ihnen gefragt. Niemand hat sie vermisst. Sie sind durch das soziale Netz gefallen und im Niemandsland eines einsamen Todes gestorben. - Zum Glück handelt es sich um Einzelfälle. Sie sind nicht repräsentativ für unsere modernen, westlichen Gesellschaften. Dennoch zeigen sie einen Sachverhalt, der Anlass bietet, über unsere Beziehungsfähigkeit nachzudenken. Dies wollen wir auf den folgenden Seiten tun. Mit dem Ziel, dass niemand durch’s Netz fallen möge.
Einsam Verstorbene stellen uns vor die Frage, was im konkreten Fall passiert ist. Wer ist Schuld am unbemerkten Tod eines Menschen? Die Person selbst, die Familie oder der Staat (Gesundheits- und Sozialwesen)? Wie auch immer die Antwort lautet, es handelt sich um ein Defizit auf der Beziehungsebene. Vielleicht hat die Person bewusst alle Beziehungen abgebrochen. Vielleicht wurde sie tatsächlich vergessen und konnte sich nicht bemerkbar machen. Tatsache ist, dass in beiden Fällen die Beziehungsfähigkeit eingebrochen ist. Das soziale Netzwerk hat die Person nicht mehr getragen.
Der Mensch ist keine Maschine
Netzwerke entstehen durch den Aufbau stabiler Verbindungen zwischen Elementen (Knoten). Die Netzwerktheorie befasst sich zum einen mit physikalischen Netzen (z.B. Computernetze), zum andern mit sozialen Netzen (Gruppen, Gesellschaften). Computernetzwerke haben den Vorteil, dass ihre Elemente (Speichermaterial) und die Verbindungen (Licht, Schall, Kabel) sich naturgesetzlich verhalten. Die Systemteile sind programmierbar. Wenn die Software stimmt, funktioniert das Ding. Informationen kommen an werden gemäss Befehl verarbeitet.
Wenn das mit dem zentralen Element der sozialen Netze nur auch so einfach wäre! Zwar haben berühmte Forscher sich alle Mühe gegeben, den Menschen als Maschine zu erklären. Sigmund Freud (1856-1939) versuchte, die mechanistisch definierte Seele zu analysieren und zu reparieren. Auch Burrhus Skinner (1904-1990) und Francis Crick (1916-2004) wähnten, das Geheimnis der ‚Materie Mensch’ gelüftet zu haben und seine Steuerbarkeit via Sprache, Verhalten oder Biochemie garantieren zu können. Wären diese Theorien erfolgreich, könnten die Menschen als Elemente der sozialen Netzwerke zum ‚Funktionieren’ konditioniert werden. Dann gäbe es keine unbemerkten Toten mehr in einsamen Wohnungen.
Nun, von der Beherrschung solcher Techniken sind wir glücklicherweise weit entfernt. Wir kennen die Geschichten aus unserem eigenen Leben, aus unserer Nachbarschaft, aus den Medien. Menschen können mit besten Informationen gespeist werden. Sie mögen erkennen, welches die beste Lösung ist. Sie mögen sich neunundneunzig Mal richtig verhalten. Doch urplötzlich wählen sie das Gegenteil. Sie verhalten sich unrational. Sie foutieren sich um die Naturgesetzlichkeit von Silizium, Kupfer und Licht und nehmen sich das Recht, einen destruktiven Weg einzuschlagen.
Die Erforschung sozialer Netzwerke ist ein entsprechend hochkomplexes Unterfangen. Interdisziplinär versucht der Wissenschafter, dem Mysterium ‚Mensch’ auf die Schliche zu kommen. Psychologie, Ethnologie, Soziologie, Anthropologie und Organisationslehre sollen erhellen, wie der Mensch sein Beziehungsgeflecht aufbaut, und wie er sich in diesen Beziehungen verhält. Wie in jeder Wissenschaft geht es darum, Gesetzmässigkeiten zu erkennen, Problemfelder zu eruieren, Lösungswege vorzuschlagen und Lösungen wenn immer möglich auch zu realisieren. Schliesslich soll der Mensch im privaten, im beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld konstruktiv ‚funktionieren’.
Wer begründet die soziale Netzwerkfähigkeit?
Wir wollen im Folgenden einer einzelnen, aber äusserst wichtigen Frage nachgehen: Wie kann der Mensch eine starke Beziehungsfähigkeit erlangen?
Könnten wir eine einsam in ihrer Wohnung sterbende Frau interviewen, würde sie ihre Isolation vielleicht trotzig verteidigen. Wohl würde sie erzählen, dass viele Menschen sie verletzt hätten und sie ein Recht auf anklagende Verweigerung habe.
Sicherlich ist diese Frau aber nicht schon mit einer ausgebildeten Beziehungslosigkeit geboren worden. Kinder können ohne Beziehung weder entstehen noch überleben. Aristoteles (384-322 v.Chr.) bezeichnete den Menschen als ‚zoon politikon’; als ein auf die Gesellschaft angelegtes Wesen. Friedrich I. Barbarossa (1122-1190) wollte dann etwas genauer wissen, wie sich existenzielle Beziehung definiert. Als deutscher Kaiser hatte er die Macht, ein Experiment durchzuführen. Er liess Neugeborene mit der notwendigen Nahrung und Temperatur versorgen. Strengstens verboten war aber jegliche Form von emotionaler Zuwendung. Die Kinder starben. Die funktionale Versorgung des Körpers reicht nicht aus. Ohne Liebesbeziehung geht der Mensch ein.
Kinder sind in den frühen Jahren ihres Lebens primär Empfänger von Beziehung. Sie empfangen Impulse und reagieren darauf. Nur ganz langsam beginnen sie, Beziehung bewusst wahrzunehmen und reflektierend zu gestalten. Die Hauptlast zur Ausbildung einer guten Beziehungsfähigkeit liegt in der frühen Lebensjahren eindeutig beim Umfeld des Kindes. Beschäftigen wir uns also kurz damit, wie verschieden die soziale Kompetenz des Kindes heute aufgebaut wird.
Das Kleinkind im traditionellen Umfeld
Wächst das Kind im traditionell-familiären Umfeld auf, ist sein Beziehungsfeld relativ klein und konstant. Primäre Bezugspersonen sind vorerst Mutter, Vater, Geschwister und andere Familienmitglieder. Dazu kommen allmählich Kinder und Erwachsene aus dem Umfeld der Eltern. Sodann eigene Freunde. Erst nach etwa fünf Jahren erfolgt der Sprung aus der Familie in den Kindergarten und damit die erste Vervielfachung des Beziehungsnetzes.
Wächst das Kind in einer guten Familie auf, hat es in diesen wichtigen Jahren ausreichend Möglichkeit, Wurzeln zu schlagen, Vertrauen aufzubauen, Konflikt- und Beziehungsfähigkeit zu lernen. Es findet seinen Platz in der kleinen Gesellschaft Familie. Es lernt Zärtlichkeit, Annahme, Spiel, Konsum, Grenzen, Schmerzen, Verzicht, Kreativität, Pflicht und die Anwendung von Fähigkeiten. Die Familie gibt ihm den Raum, Emotionen kennen zu lernen und mit schmerzlichen Enttäuschungen umzugehen. In hunderten, ja tausenden von kurzen und längeren Kontakten und Gesprächen wird das Weltbild der Kleinen geformt. Sie lernen Werte, Zusammenhänge und Deutungen. Das ‚Ich’ des Kindes wird gefördert und begrenzt. In guten und unangenehmen Erfahrungen findet sich der Sprössling in ein sicheres Beziehungsnetz eingebunden. Man hält ihm die Treue und bereitet es darauf vor, selber Beziehung zu bauen, zu pflegen und ebenfalls Treue zu halten.
Jede weitere Stufe - Kindergarten, Schule, später Lehre, Uni, Berufsleben - stellt die Beziehungsfähigkeit des heranwachsenden Menschen vor grössere Herausforderungen. Bleibt das familiäre Fundament intakt, werden die Söhne und Töchter noch über viele Jahre heimkommen, um Freuden und Enttäuschungen auszudrücken, Trost zu empfangen, Ratschläge einzuholen. Diese Form von ‚Psychohygiene’ erfolgt sehr oft. Gemeinsames Essen bietet den Raum, Seelenschmerz zu entsorgen, das Gefühlsleben zu läutern und neue Abwehrkräfte aufzubauen. So können Kinder und Jugendliche mit neuem Mut und neuen Ideen ins soziale Netz eintauchen. Sie lernen die Geheimnisse erfolgreicher Beziehungen: Geben & Nehmen, Anklagen & Vergeben, Nähe & Distanz, Frage & Antwort, Freude & Schmerz, Lust & Last, Angriff & Selbstbeschränkung, Freude & Pflicht. Kriterien gelingender Freundschaft und Liebe.
Das Kleinkind im aktuell-postmodernen Umfeld
Die Familie ist nicht hoch im Kurs. Mütter mit runden Bäuchen suchen händeringend nach Krippenplätzen, um das Kleine drei Monate nach der Geburt ausserfamiliär placieren zu können. Kaum dem Licht der Welt ausgesetzt, landet das Baby in einem Umfeld mit 10, 12, 15 Personen. Andere Babies, Kleinkinder, Betreuungspersonal. Glücklich das Kleine, das eine gute Krippe erwischt. Mit Personal, das die Kinder liebt. Erzieherinnen, die wissen, wie Leben funktioniert. Die nicht dem Stress der Überforderung erliegen. Frauen, die eine Engelsgeduld haben, den originalen, individuellen Lebensfunken der anvertrauten Kinder zu Tage zu fördern, weil sie selber Originale sind. Frauen, die selber starke Beziehungen leben und den Krippenkindern das entsprechende Knowhow weitergeben. Frauen als Mutterersatz. Leider nur Frauen, denn Männer sind in Krippen und Horten und zunehmend auch in Schulen eine rare Spezies.
Abends dürfen die Kleinen dann nach Hause. Mütter und/oder Väter, die viel von ihrer Kraft am Arbeitsplatz verbraucht haben, stehen nun vor der Aufgabe, zu kochen, zu waschen, zu putzen, aufzuräumen, die Kinder zu nähren und zu pflegen. Büroarbeiten erledigen. Telefone beantworten. Den Freundeskreis pflegen. Sport treiben, das Weltbild des Kindes prägen. Seine praktischen Fähigkeiten fördern. Basteln, Probleme lösen, noch arbeiten, lesen, fernsehen und abhängen. Geschichten erzählen. Und möglichst früh zu Bett, um den Stress morgen wieder auszuhalten!
Dass in dieser überfrachteten Zeit das Urvertrauen des Kindes aufgebaut wird, ist sehr unwahrscheinlich. Entsprechend schwach wird die Beziehungskraft sein. Viele werden trotz dem regen Beziehungsgeflecht, in das sie geworfen sind, isoliert aufwachsen. Sie vereinsamen früh in einem belebten Umfeld. Natürlich lernen sie trotzdem, in der Schule und später am Arbeitsplatz zu funktionieren. Doch schon bald wird offenbar, dass sie nicht beziehungsfähig sind. Freundschaften, Partnerschaften und Ehen sterben vielfach schon im Frühstadium. Die markante Zunahme der Einpersonen-Haushalte spricht eine deutliche Sprache. Ebenso die abnehmende Bereitschaft, überhaupt Ehe und Familie zu wagen.
Ein Teil dieser Menschen mag es im beruflichen, kulturellen oder politischen Umfeld zu Höchstleistungen bringen. Doch funktionieren sie nur. Nähe verbitten sie sich. Sie würden sie auch nicht aushalten.
Die meisten beziehungsmässig unterernährten Menschen haben jedoch eine schwache Psyche. Viele stützten sich notdürftig mit Alkohol und Psychopharmaka. Viele grounden dennoch in Burnouts und Frühpensionierungen. Und wer bitte soll sie dann besuchen, wenn sie einsam zuhause ´rumsitzen und dem Tod entgegendämmern? Doch höchstens noch der Funktionär der Sterbehilfe-Organisation.
Familie als Garant des sozialen Netzes
Schwarz-weiss malen gilt nicht! Mir ist bewusst, dass eine überzeichnete Idealisierung der traditionellen Familie nicht legitim ist. Es gibt viele schlechte Eltern, die es nicht schaffen, harmonische und starke Beziehungen in Ehe und Familie zu realisieren. Folglich gibt es auch Kinder, die in einer Familie aufwachsen und dennoch vereinsamen. Und, wie gesagt gibt es auch gutes Krippenpersonal, das die Liebesdefizite der Kleinen etwas ausbessern kann.
Dennoch: wenn wir über gelingendes Leben im Rahmen glücklicher Beziehungen nachdenken, müssen wir die Frage beantworten: welches System ist prädestiniert, ein stärkeres soziales Netz zu knüpfen? Die Familie oder die staatlich garantierte Betreuung und Erziehung in Krippen, Horten und Schulen? Ich habe nicht den allergeringsten Zweifel: es ist die Familie. Wo sonst soll enge Liebesbeziehung erlernt werden?
Sukkurs erhalten wir vom Erfinder des Lebens. Gott schuf den Menschen in Partnerschaft als Mann und Frau. Dann gab der Schöpfer den Menschen die Möglichkeit zur Leibesfrucht und begründete damit die Familie. Später definierte die biblische Ethik, wie Leben im geistlichen, im sozialen und im ökonomischen Bereich erfolgreich sein kann. Die Familie erfuhr speziellen Schutz, da der Bund der Ehe mit wenigen Ausnahmen der Unauflöslichkeit unterstellt wurde. Kontinuität in der Familie sollte den Nachkommen einen Hort der Geborgenheit bieten, das Leben in allen seinen Belangen zu erlernen.
Die Mehrheit der Kulturen der Weltgeschichte hatte diesbezüglich keine Zweifel. Ihnen galt die Familie als konstituierende Primärzelle der Gesellschaft. Nur wir ‚aufgeklärten’ Westler sind der 68er-Predigt auf den Leim gegangen ‚Nie mehr Kinder, Küche, Kirche!’ Ohne das Ding zu Ende zu denken, folgen die Massen den Predigern der exzessiven Selbstverwirklichung. Sie schaudern beim Gedanken an einsam Verwesende in düstern Appartements. Aber sie weigern sich, der Sache auf den Grund zu gehen und die Erkenntnisse für ihren eigenen Lauf zu adaptieren. Schade, fehlt ihnen der Mut. Sie könnten eine Gesetzmässigkeit des sozialen Netzwerks entdecken. Wer Ego sät, wird Ego ernten. Wer Liebe sät, wird Liebe ernten.
Da der Mensch die Freiheit hat, sein Schicksal zu wählen, werden wir das isolierte Sterben einzelner Individuen nie ganz ausschliessen können. Doch dürfen wir es nicht zulassen, dass der Egoismus als Leitwert der Gesellschaft bestehen bleibt. Wer das Geheimnis der Liebe entdeckt hat und realisiert, ist der Gesellschaft einen Dienst schuldig. Es gilt, die sozialen Netzwerke wieder mit aller Entschiedenheit zu stärken. Retour au Dieu de l’amour! Retour à la famille!